Freude am Zeichnen & Malen Ausgabe 86
Auch von großen Meistern lässt sich für unser Hobby einiges lernen: zum Beispiel die einfache Kunst, rechtzeitig aufzuhören. Nicht alles abzubilden, was das Auge sieht oder das Foto zeigt, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken. Dieses faszinierende Stilmittel des „non finito“ (nicht fertig), eine Erfindung der italienischen Renaissance, gibt Zeichnungen einen freien Charakter. Wie es zu dieser künstlerischen Wende kam, lesen Sie auf S. 60.
Aber was bedeutet das für uns?
Zunächst einmal: Lassen Sie sich vom kreativen Eifer nicht dazu hinreißen, jedes Bild zu überfüllen. Nichts ist ärgerlicher, als im Nachhinein zu erkennen, dass die Zeichnung zuvor noch lebendiger gewirkt hätte. Weniger wäre mehr gewesen.
Gehen Sie also im Zweifel lieber sparsam mit Strichen und Farben um. Dabei hilft es, das Motiv insgesamt mit hellen Tönen zu beginnen und die Kontraste nach und nach zu verstärken. Arbeiten Sie zunächst keine einzelnen Details aus. So erkennen Sie immer besser, was an welcher Stelle noch fehlen könnte. Lassen Sie das Bild zwischendurch ruhen, um es dann mit frischem Blick zu betrachten.
Alles so weit gut? Dann lassen Sie es auch gut sein!
Dabei kommt es natürlich auf das Motiv und den Stil an. Vor allem Zeichnungen profitieren oft von bloßen Andeutungen. Dann wird das scheinbar Unfertige zum künstlerischen Mittel. Frei auslaufende Linien oder allmählich verschwindende Schraffuren laden den Betrachter dazu ein, am Geschehen gewissermaßen teilzunehmen und das Motiv gedanklich zu ergänzen. Die Bambusblätter auf S. 30 müssen nicht allesamt fein ausgearbeitet sein, und auch die Porträtstudien auf S. 44 erscheinen im „non finito“ offener und zugänglicher.
